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Uta Franck, Auszug aus

Kelkheimer Märchen und Sagen, illustriert von Claus Nothdurft

Gefrorene Worte

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die hatten einander sehr gern. Zusammen mit ihren Kindern lebten sie in einem schönen Haus. Sie hatten ein gemütliches Wohnzimmer, in dem sich die Familie abends zusammenfand. Dann erzählte ein jeder von den Erlebnissen des Tages. So nahmen sie alle Anteil am Leben des anderen.
Viele Jahre gingen ins Land. Die Kinder wurden groß und verließen das Haus, um in einer anderen Stadt ihr Glück zu versuchen. Des Abends saßen nur noch der Mann und die Frau in der Stube. Ihre Gespräche wurden stockender. Der Mann wusste nicht so recht, was er seiner Frau erzählen sollte, und die Frau dachte, ich habe doch nichts erlebt, was sich zu berichten lohnt. Immer stiller wurden die Abende.
Die Frau, die tagtäglich ihre Hausarbeit verrichtete, sah jetzt ernst und mürrisch aus. Oft vergaß sie das Notwendigste. Manchmal fehlten die Kartoffeln, wenn sie eine Mahlzeit zubereiten wollte, oder der Mann suchte vergeblich nach einer Flasche Bier im Keller. Eines Tages vergaß die Frau, Kohlen für den Ofen zu besorgen, obwohl es Winter war. Draußen war es bitterkalt. Als sie abends beisammensaßen, schweigend wie immer in der letzten Zeit, wurden zuerst die Glieder klamm, dann fingen sie an zu zittern, die Zähne schlugen klappernd aufeinander.
„Ich friere“, wollte der Mann sagen. Doch aus seinem Mund fielen nur zwei große Eisstücke.

Verlag Blei & Guba, Hofheim 1997, ISBN 3-00-002170-1

                                                                                         
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