Auszug aus...Die nicht gelangweilt werden wollte
Sie lag auf dem Sofa in der Wohnstube und räkelte
sich. Sonnabendnachmittag. Endlich konnte sie sich recken und strecken. Die Arbeit der
Woche lag hinter ihr und sie hatte Zeit sich auszuruhen. Die Augenlider fielen ihr zu, sie
schlief für eine Viertelstunde ein.
Plötzlich schreckte sie auf. Ihr wurde bewusst, dass
der Nachmittag und Abend noch vor ihr lagen. Sie fing an, auf das Verrinnen der Zeit zu
achten. Langweilig, allein zu faulenzen, dachte sie. In Gesellschaft wäre der Nachmittag
vergnüglicher. Doch im selben Augenblick schoss es ihr durch den Kopf, du wolltest bisher
immer allein sein, du hattest Angst vor einem langweiligen Mann, nichts ist für dich
grauenhafter als ein Ehemann, der immer dieselben Redewendungen gebraucht, der in
Stammtischmanier über Politiker herzieht oder der einzig und allein über technische
Probleme von irgendwelchen teuren Autos redet. Nein, das bitte nicht!
Sünje war jetzt hellwach. Lieber wollte sie allein
im Wohnzimmer vor sich hindösen und die Minuten zählen, als sich mit einem Ehemann
plagen, den sie nie wieder loswerden würde. Ihr fiel das Märchen von der Prinzessin ein,
die nicht gelangweilt werden wollte, das sie kürzlich gelesen hatte. Die Prinzessin hatte
immer gleich den ersten besten Mann geheiratet, der ihr imponierte, aber ihr Vater, der
König, hatte sie auch unter Druck gesetzt. Er hatte ihr befohlen, sich einen Mann zu
suchen, weil er alt und müde und des Regierens überdrüssig war. Viermal hatte sie den
Falschen gewählt. Der König jagte alle Ehemänner auf ihre Bitte hin wieder davon. Wenn
er ehrlich war, musste er zugeben, dass er die Männer seiner Tochter auch nicht leiden
konnte. Immerhin hatte die Prinzessin dabei gelernt, dass sie ihr Leben selbst in die Hand
nehmen musste. Ein Ehemann war keine Lösung. Sie wollte selbst Königin werden und
regieren.
"Der König dachte wirklich gründlich nach.
Dann sprach er: Meine Tochter, ich will es mit dir als Herrscherin versuchen.
Da stieg der König von seinem Thron und machte der Prinzessin Platz."
Sünje war mit diesem Schluss einverstanden. Regieren
war eine anspruchsvolle Tätigkeit. Um zufrieden zu sein, war es wichtig, einen Beruf
auszuüben, der einen ausfüllte. Sie wollte nicht wie ihre Mutter enden, die immer
erwartungsvoll am Küchenfenster gestanden hatte, wenn sie aus der Schule kam. Sofort
hatte sie gefragt: "Wie wars heute?" und Sünje musste erzählen, was sich
auf dem Pausenhof und im Klassenzimmer ereignet hatte. Sie hasste es, so ausgefragt zu
werden.
Als sie älter wurde und manchmal erst um Mitternacht
nach Hause kam, musste sie zuallererst ans Bett der Mutter eilen und Bericht erstatten.
Später erkannte Sünje, dass die Tage und Wochen
ihrer Mutter eintönig gewesen waren, dass sie ein Leben aus zweiter Hand geführt hatte.
Durch Ehemann und Kind verschaffte sie sich einen Zugang nach draußen. Sie selbst hatte
zu selten Kontakt mit der Außenwelt.
Morgens sorgte sie für das Frühstück, für die
Ordnung und die Sauberkeit des Hauses, kaufte ein und kochte das Mittagessen. Ein Tag
glich dem anderen. Ihre Mutter hatte keine Freundin, die sie manchmal besuchen kam. Warum
lebte sie so auf Mann und Kind beschränkt? Sünje bedauerte, dass sie es versäumt hatte,
ihre Mutter danach zu fragen. Manchmal hörte sie noch heute, wie die Mutter seufzte, wenn
sie am späten Nachmittag den Tritt vor der Haustür feudelte und vor sich hinmurmelte:
"Nichts als Hausarbeit habe ich den ganzen Tag
gehabt!"
Dann regte sich Widerstand in Sünje und sie dachte,
du brauchst gar nicht pausenlos zu putzen. Etwas schmutziger dürfte es ruhig sein.
Niemand erwartet eine solche Ordentlichkeit und Akkuratesse. Das ist dein eigener
Anspruch. Du selbst forderst diese Sklavenarbeit von dir, du willst eine gute Hausfrau
sein, dann musst du dich eben plagen.
Sünje sorgte in solchen Momenten dafür, dass sie
aus der Reichweite ihrer Mutter kam. Wenn sie so stöhnte, forderte sie sie mit Sicherheit
in den nächsten fünf Minuten auf, Brot und Fleisch einzukaufen oder im Garten zu
arbeiten. Ihre Mutter wusste auch sie zu beschäftigen. Es gab immer irgendetwas zu tun.
Damals hatte sich Sünje geschworen, nicht so wie
ihre Mutter zu werden. Und sie hatte sich bis zu dem heutigen Tag daran gehalten. Nach dem
Abitur hatte sie eine Buchhändlerlehre gemacht. Sie arbeitete, verdiente Geld und war
unabhängig. Außerdem hatte sie Freundinnen und Freunde.
Ein Ehemann und Kinder hätten bedeutet, sich wie die
Mutter der Gefahr auszusetzen, unausgeglichen zu werden. Mit Erfolg hatte sie bisher
vermieden zu heiraten. Sie war jetzt dreiunddreißig Jahre alt. Ihre Eltern waren vor ein
paar Jahren kurz hintereinander gestorben. Sie hatte das kleine Backsteinhaus geerbt, in
dem sie aufgewachsen war. Das Haus war gerade so groß, dass sie es auch allein bewohnen
konnte.
Warum auf einmal diese Anwandlung, warum dieses
Gefühl des Alleinseins? Warum glaubte sie plötzlich, dass sie sich zu zweit besser von
dem Stress der Woche erholen könnte? Das war doch wohl ein Irrtum! Allein konnte sie so
lange auf dem Sofa liegen, wie sie wollte, kein Partner signalisierte ihr, dass er etwas
zu essen haben wollte, aber es brüht mir auch niemand eine Tasse Kaffee auf und stellt
sie vor mir auf den Couchtisch. Dafür kann ich jetzt stundenlang Zeitung lesen. Danach
hole ich mir ein Buch und wenn ich überhaupt nicht mehr lesen mag, dann stelle ich den
Fernseher an.
Sünje hatte ihr Gleichgewicht wiedergefunden. Ihr
Leben war in Ordnung. Sie wünschte sich kein anderes.